„Bach
und Mozart und Brahms liebe ich über alles“
Reinbert
Evers über Bach, Gitarrenkonzerte des 19. Jahrhunderts, Musik
aus dem Baltikum und seine neue CD „Mirage“
GAK:
Wie es sich für ein Gespräch über Musik gehört,
würde ich gerne mit dem „lieben Gott der Musik“, mit Bach,
beginnen. Sie haben oft die sieben Lautenkompositionen Bachs vollständig
als Zyklus im Konzert gespielt und sich auch schon häufig
über Bach geäußert. Dass man Bach spielen möchte,
bedarf sicher nicht der Erklärung, selbst wenn man ein Instrument
spielt, das zu Bachs Zeit noch nicht existierte. Die Umstand,
der mich umtreibt, ist eher, dass diese Stücke wohl eine
der inhomogensten Werkgruppen innerhalb Bachs Musik überhaupt
bilden. Bach hat sich kaum mehr als am Rande mit der Laute auseinandergesetzt,
und daher bestehen diese sieben Stucke z. T. aus Transkriptionen
von Violin- und Cellowerken — wobei bezüglich der Fuge BWV
1000 nicht einmal klar ist, ob die Bearbeitung auf Bach zurückgeht
—, aus einem Präludium (BWV 999), von dem ich sagen würde,
dass nicht auszuschließen ist, dass der Hinweis „pour la
Lute“ nicht vielleicht eine suggestive Vortragsanweisung für
ein Tasteninstrument ist, und aus drei Stücken, die Bach
zwar original für Laute geschrieben zu haben scheint, die
aber aus völlig unterschiedlichen Schaffensperioden stammen
und in denen Bach die Laute in etwa so wie Castelnuovo-Tedesco
die Gitarre zu behandeln scheint: er also spieltechnische Unmöglichkeiten
einzelner Stellen unbekümmert niederschreibt und die Lösung
dieser Probleme dem Spieler überlässt. Ganz bestimmt
ist es richtig, dass alle Werke auf dem für Bach typischen
gleichbleibend hohen Niveau verfasst sind. Vielleicht konnen Sie
ein wenig erlautern, ob überhaupt und in welcher Hinsicht
Sie diese sieben Stücke unter den von mir genannten Aspekten
als einheitliche Gruppe auffassen?
RE: Die Einheit liegt naturlich in dem Personalstil
Bachs. Dass diese Stücke aus verschiedenen Epochen oder Zeiträumen
kommen, zeigt doch aber auch, dass er sich immer mit dem Instrument
beschäftigt hat. Die große Variationsbreite an Stilen
hierbei zeigt auch, dass er eigentlich das Instrument für
alle Arten von musikalischen Texturen ausreichend fand. Ich habe
schon früher einmal gesagt, dass das Lautenwerk von Bach,
ähnlich der „Kunst der Fuge“, mehr ein „utopisches“ Oeuvre
ist, was, etwas einfacher gesagt, die Vorteile von Instrumenten,
die klanglich differenzieren können und solchen, die polyphone
Strukturen darstellen können, in sich vereinigt. Wenn man
die Musik für Tasteninstrumente betrachtet, sieht man, dass
sie nicht die Möglichkeiten der Klangfarbung haben, aber
natürlich die Moglichkeit des komplexen Satzes. Die Streichinstrumente
z.B. oder auch die Blasinstrumente haben eben nicht diese Moglichkeit,
komplexe Sachverhalte so darzustellen, wie die Laute es kann,
aber sie haben naturlich ganz andere Artikulations- und Gestaltungsmöglichkeiten
mit dem Klang. Und das ist irgendwo so die Mitte, deswegen reizt
es mich, als Herausforderung, mich mit diesem Oeuvre zu beschäftigen.
GAK:
Haben Sie unter diesen Stücken Lieblingswerke?
RE: Lieblingsstücke kann ich eigentlich
nicht sagen. Ich spiele einige mehr als andere, aber das ist nur
das Resultat einer Entwicklung die daher kommt, dass ich ständig
so viel neues Repertoire spiele, dass ich diese Stücke nicht
gleich bedienen kann.
GAK:
Auch wenn dies historisch wohl ein wenig „unfair“ zu sein
scheint: Ist der „Fall Bach“ nicht so etwas wie der erste große
Sündenfall der Zupfinstrumentenspieler gewesen, das erste
große Versäumnis der Möglichkeit eines wirklich
bedeutenden Repertoires? Wäre Bach von seinen musikalischen
Neigungen her nicht der ideale Mann gewesen, um sich eingehender
mit der Laute auseinanderzusetzen, wenn er von außen mehr
Anregung hierzu gehabt hätte?
RE: Na ja, er hat immerhin doch sieben Stücke
geschrieben, und wenn wir von jedem Komponisten des Ranges von
Bach sieben Stücke hätten, dann sähe unser Repertoire
ganz anders aus! Ich finde, dieses Oeuvre reicht aus, um sich
ein ganzes Leben lang damit zu beschäftigen. Ich möchte
dahin auch wieder zurückkehren, und habe mir vorgenommen,
in den nächsten Jahren wieder mehr Bach zu spielen.
GAK:
Wann haben Sie angefangen die sieben Stücke als Zyklus
zu spielen?
RE: Das muss 1978 gewesen sein.
GAK:
Wenn Sie auf diese fast 30 Jahre zurückblicken, können
Sie etwas darüber sagen – obwohl es natürlich immer
schwer fällt, sich selbst von außen zu betrachten —,
ob und wie sich Ihr Bach-Spiel in dieser langen Zeitspanne gewandelt
hat?
RE: Da hat sich sicher viel gewandelt. Ich habe
natürlich viel mehr Erfahrung im Umgang mit Alter Musik,
weil sich ja auch die gesamte Alte-Musik-Bewegung in diesen 30
Jahren sehr entwickelt hat. Ich kenne naturlich das, was die Lautenisten
machen, und finde das auch interessant, obwohl auch nicht immer
überzeugend.
GAK:
Gibt es nennenswerte Vorbilder, vor allem naturlich unter
anderen Intrumentalisten, was die Bach-Interpretation angeht?
RE: Nein. Und unter den Gitarristen auch nicht.
GAK:
Völlig überein stimme ich mit einer Ihrer früheren
Bemerkungen, dass die Violin- und Cellosuiten bzw. -sonaten für
die Ausführung mit Gitarre keinen Sinn ergeben, da die diesen
Stücken immanente Spannung maßgeblich durch die Überforderung
der polyphonen Möglichkeiten der Streichinstrumente entsteht,
die bei einer Wiedergabe auf der Gitarre dann natürlich fehlt.
Wenn ich Sie nun frage, ob dies dann nicht auch für Bachs
eigene Bearbeitungen dieser Stücke gilt, vermute ich Ihre
Antwort zu kennen, namlich „Nein“. Können Sie erklären,
was in diesem Falle vor sich geht?
RE: Wenn man z.B. die Suite g-moll BWV 995 mit
der Cellosuite vergleicht, dann sieht man ja genau, was er gemacht
hat: Er hat nämlich die Polyphonie ansatzweise verstärkt,
aber nur ansatzweise, sehr vorsichtig. Er hat keine richtige Totalbearbeitung
gemacht, und jetzt überall, wo man hätte richtig polyphon
schreiben können [auch wirklich] polyphon geschrieben, sondern
er hat nur ansatzweise die Strukturen klarer gemacht. Und das
zeigt doch im Grunde genommen, dass diese These richtig ist. Und
ich mache bei den übrigen Werken eine Ausnahme, und das ist
die Chaconne, das habe ich auch schon fruher gesagt. Aber es ist
ein ähnlich utopisches Werk.
GAK:
...das vielleicht auf keinem Instrument seine volle Erfüllung
finden wird ...
RE: ... und da macht es dann auch wieder Sinn.
GAK:
Wie mir scheint, obwohl ich in diesem Zusammenhang schon etwas
vorgreife, messen Sie einer solchen physischen Überlastung,
wie z. B. bei einer Gesamtaufführung aller Bach-Werke, auch
ein gewisses ästhetisches Moment bei, wie ja auch der amerikanische
Avantgarde-Pianist David Tudor z.B. stets sehr lange Konzerte
gespielt haben soll. Auch Sie scheinen in Ihren Programmen solche
Herausforderungen geradezu zu suchen. Außer Ihren Bach-Abenden
denke ich vor allem an den „Uraufführungsmarathon“ aus dem
Jahr 2006, als Sie an einem Abend in Münster drei neue Gitarrenkonzerte
gespielt haben.
RE: Ich liebe Herausforderungen!
GAK:
Aber gibt es zwischen physischer Überforderung und Ästhetik
einen Zusammenhang in der Musik?
RE: So weit formuliert muss es den geben. Es
gab immer Komponisten die Grenzen gesprengt haben, welche die
Interpreten überfordert haben, und dann kamen immer Leute,
die diese Herausforderung angenommen und die das geregelt haben.
Und so entwickelt sich Fortschritt! Insofern: wenn man nichts
von sich fordert, dann nutzt einem auch die ganze Begabung nichts.
Man kann dann vielleicht ein guter Gitarrist werden, aber Entwicklung
bedeutet das nicht. Aber es gibt natürlich auch negative
Beispiele von Überforderung, und außerdem ist die Tatsache,
dass man etwas von sich fordert, noch kein Garant für Qualität!
Auch das ist richtig. Aber natürlich ist die ganze Entwicklung
der Kunst immer mit dem Verschieben von Grenzen weiter nach vorne
verbunden gewesen.
GAK:
Sie haben sich auch in jüngerer Zeit durch die Einspielungen
von Konzerten für Gitarre des frühen 19. Jahrhunderts
auf zwei CDs verdient gemacht. Was mich hieran zunachst interessieren
wurde: Ich verstehe Ihr immenses Interesse an der Neuen Musik
als brennendes Bedürfnis, stets mit den neuesten Ideen und
Strömungen der eigenen Zeit in Kontakt zu stehen, also auf
der Höhe der Zeit, in der man selbst lebt, zu arbeiten. Ich
möchte an dieser Stelle nicht die alte Diskussion über
den Wert der Gitarrenmusik des frühen 19. Jahrhunderts im
Allgemeinen wieder aufkochen, aber egal, wie viel Sympathie man
Männern wie Giuliani, Carulli oder Legnani entgegen bringt,
glaube ich, dass man sich auch bei gegensätzlicher Auffassung
hierzu auf die Formel einigen kann, dass diese Männer eben
nicht auf der Hohe ihrer Zeit standen, dies übrigens auch
schon rein handwerklich nicht. Wie gehen diese Interessenssphäre
in Ihrem Kopf zusammen? Was interessiert Sie an dieser Musik?
Oder bildet die Auseinandersetzung mit ihr gar eine Art Erholung
von den „Anstrengungen“ der Neuen Musik?
RE: Das Interesse ist verschieden gelagert. Ich
meine, diese Komponisten waren sicher nicht auf der Höhe
der Zeit, was ihre Kompositionstechnik angeht, aber sie waren
natürlich Produkte ihrer Zeit. Und es gibt viele Instrumente,
die nicht immer nur Musik erster Qualität für sich verbuchen
können. Mit der Flöte z. B. ist es genauso. Und dann
muss man natürlich genau untersuchen, welche Werke man spielt.
Wenn man mal mit einem hohen Qualitätsanspruch die Gitarrenmusik
des 19. Jahrhunderts untersucht, dann kriegt man doch eine ganze
Menge Stücke, die überzeugend sind. Wenn sie dann noch
gut gespielt sind mit dem Verständnis dafür, wie diese
Musik gespielt werden muss und wie nicht, dann kommen da ganz
schöne Ergebnisse heraus. Das zweite ist mein gitarristisches
Interesse an dieser Musik, denn ich glaube, dass es für einen
Gitarristen unabdingbar, ist solche Musik zu spielen, um das Instrument
zu verstehen und eine gute Technik zu bekommen. Und der Unterhaltungswert
dieser Musik ist auch nicht unbeträchtlich. Viel von dem,
was heute von Gitarristen als Neue Musik gespielt wird, ist in
kompositionstechnischer Hinsicht deutlich schlechter. Insofern
gibt es eigentlich genug Berührungspunkte und Argumente,
sich mit dieser Musik auseinander zu setzen. Ich habe immer Spaß
an dieser Musik gehabt und sie hat einen bestimmten Platz in meinem
Repertoire.
GAK:
Können Sie Beispiele nennen für die Flötenmusik,
von der Sie sprachen, und genießen Sie es selber auch, derartige
Musik zu hören?
RE: Wenn sie gut gespielt ist: warum nicht! Ich
denke etwa an Kuhlau, Fürstenau oder die Virtuosenmusik um
Böhm herum. Wenn das gut gespielt ist, macht mir das sehr
viel Vergnügen.
GAK:
Vielleicht können wir auf einige dieser Stücke im
Detail eingehen. Ich würde gerne wissen, wie Sie die Konstruktionen
von Carullis Konzerten einschätzen. Mit scheint, dass deren
formale Architektur recht einzigartig für eine Epoche ist,
die sich ja im Großen und Ganzen durch die sture Erfüllung
eines normierten Modells für das Solo-Konzert auszeichnete:
Das A-Dur-Konzert hat in seinen beiden Fassungen überhaupt
keinen langsamen Satz, das Doppelkonzert hat, je nach Lesart,
keinen Schlusssatz bzw. nur einen, der kaum mehr als eine Coda
der Variationen ist , das e-moll- Konzert schließlich vereinigt
in einem Satz die übliche dreisätzige Anlage, indem
statt einer Durchfuhrung, die ja ohnehin die große „Achillesferse“
der Gitarrenmusik des 19. Jahrhundert überhaupt ist, ein
langsamer Satz eingeschoben wird. Haben Sie eher das Gefuhl, dass
Carulli hier handwerkliche Schwächen zu kaschieren sucht,
oder glauben Sie, dass sich dahinter doch eine Art Experimentierlust
verbergen könnte? Wie schätzen Sie Carulli als Komponisten
insgesamt ein und: Was bedeutet er Ihnen persönlich?
RE: Der Mann war ja pfiffig. Wahrscheinlich hat
Carulli das Problem, das er mit dem Schreiben von überzeugenden
Durchführungen hatte, gefühlt, und dann ist er in dem
e-moll-Konzert auf die geniale Idee gekommen, den langsamen Satz
anstelle der Durchfuhrung einzusetzen! So hat er mit diesem Trick
die Dreisätzigkeit quasi erfullt und eine Grundidee der Sonatenhauptsatzform
auch noch. Aber das ist nicht Carulli alleine gewesen. Da gibt
es ja so viele Modelle und Ausnahmen. Die normale Sonatenhauptsatzform
ist ja im Grunde mit ihren vielen Ausnahmen kaum mehr als ein
„Konservatoriumsmodell“, das von den Methodikern und Musikologen
im Nachhinein geriert worden ist und dann „Lehre“ wurde. In Carullis
Zeit war ja trotzdem alles möglich. Und ich finde es jedenfalls
besser, keine Durchführung zu schreiben als eine komplett
leere Durchführung zu präsentieren, wo man nur ein paar
Harmonien und daruber Arpeggien hingeknallt bekommt und sonst
nichts passiert; die motivische Durchführung können
wir uns dann im Kopf dazu denken; wie man am Beispiel etwa Sor
im „Grand Solo“ oder der C-Dur-Sonate oder Giuliani in der „Grand
Ouvertüre“ gut beobachten kann. Da finde ich, man kann sagen,
dass der Mann offenbar gewusst hat, wie man solche Probleme lösen
oder umgehen kann. Was an Carulli oft fasziniert, ist die Unmittelbarkeit
seiner Einfälle. Aber dann denke ich manchmal: Der Mann muss
ein ernsthaftes Kommunikationsproblem gehabt haben. Er muss alles
fünf oder sechs oder sieben Mal sagen, aber vielleicht war
das auch irgendwie sein Stil. In dem berühmten Wettstreit
der Pariser Gitarristen war er ja der große Simplifizierer,
und dann gab es die andere Fraktion, die einen eher bürokratischen
Stil hatte, und diese Parteien standen sich nicht sehr freundlich
gegenüber. Aber der Kopfsatz vom e-moll-Konzert hat eine
tolle Ausstrahlung, wie ich finde. Giulianis drei Konzerte sind
insgesamt von anderem Niveau, aber man spürt hier doch auch
manchmal Überforderung des Komponisten! Ansonsten habe ich
keine besondere Beziehung zu Carulli. Die Idee, diese bekannten
und veröffentlichten Konzerte des 19. Jahrhunderts einmal
insgesamt aufzunehmen, brachte eben mit sich, dass ich auch die
Gelegenheit hatte, Carulli besser kennenzulernen. Aber von den
Klassikern steht mir Giuliani näher.
GAK:
Von Giulianis Konzert op. 30 gibt es einen Dschungel unterschiedlichster
Fassungen, sowohl von ihm selbst als auch verschiedene moderne
Bearbeitungen. Hatte es musikalische Gründe, dass Sie die
Fassung ohne Bläser für Ihre Aufnahme ausgesucht haben?
RE: Das hat eigentlich erst mal Kostengründe.
Aber ich kann mir durchaus vorstellen, das Stück noch einmal
mit Bläsern aufzunehmen. Ich habe diese Fassung schön
gespielt: Das ist schon! Da spürt man in der Instrumentation
schon sehr, dass es Beethoven-Zeit ist, auch im F-Dur-Konzert.
Früher haben die Gitarristen es sich mit op. 30 ja leicht
gemacht, indem sie einfach die Durchführung herausgestrichen
und die Exposition verkürzt haben, aber das finde sehr schwach
von den Interpreten. Das sind fast die besten Teile aus diesen
Stücken! Ich finde übrigens, dass Giuliani ein paar
Sätze geschrieben hat, die an den Standard von sehr guten
Komponisten herankommen, z.B. der zweite Satz des Konzertes op.
30 ist, finde ich, eine traumhaft schöne Musik ohne einen
Takt zu viel. Auch der langsame Satz der Sonate op. 15 hat, wie
die gesamte Sonate überhaupt, kaum Schwächen, sie muss
nur sehr gut gespielt werden, vor allem was die Artikulation angeht.
Ich liebe Giulianis Expressivität. Er geht auch schon mal
aus sich heraus und explodiert. Das passiert bei Sor fast nie!
Und das stört mich an Sor: er ist super-akademisch.
GAK:
Wird es eine dritte Einspielung geben, in der Giulianis op.
70 mit anderen Novitäten gekoppelt wird?
RE: Ja, wird es. Op. 70 ist auch schon aufgenommen.
Außerdem wird das Doppelkonzert von Carulli und das Konzert
von Giovanni Bonfante dabei sein.
GAK:
Sie konzertieren nun seit bestimmt 30 Jahren. Meiner Meinung
nach haben Sie sich in der Musikwelt längst den Rang dessen
erspielt, was Strawinsky einen „echten Virtuosen“ nannte, d.h.,
um Strawinskys Worte zu gebrauchen, eines Interpreten, der sich
„durch das Spielen Neuer Musik wirklich neue instrumentale und
musikalische Fähigkeiten angeeignet hat“ und der „für
die Musikentwicklung insgesamt wertvoller ist“ als diejenigen,
die „nur die Musik des 19. Jahrhunderts“ spielen. Zunächst
also einmal: Haben Sie ungefähre Zahlen im Kopf, wie viele
Stücke für Sie bis heute entstanden sind und welches
das erste war?
RE: Das müssen ungefahr 150 Stücke
gewesen sein. Das erste Stück für mich schrieb Theo
Brandmüller, den ich auf einer Tagung der „Studienstiftung
des Deutschen Volkes“ in Walesrücken kennengelernt hatte.
Dort wurden Bildende Künstler, Komponisten und Interpreten,
die von der Stiftung gefördert wurden, zusammengebracht (bei
dieser Gelegenheit habe ich auch Manfred Trojan kennengelernt).
Das Stück heißt „Lyric Songs“ und ist auch damls vor
Ort entstanden. Später hat er ja dann noch „Canzona lyrica
e danza di morte“ für mich geschrieben.
GAK:
Die Namen dieser Komponisten sind Legion, und es hätte
an dieser Stelle wegen deren schierer Menge nicht einmal Sinn,
auch nur die berühmtesten unter ihnen jetzt aufzählen
zu wollen. Hinzu kommt, dass Sie nicht zu den Gitarristen wie
etwa Julian Bream, David Starobin oder Sharon Isbin zählen,
die an moderner Musik nur das aufführen, was für Sie
geschrieben wurde (eine Haltung die ich immer eigenartig fand).
Hinter dieser geballten Masse an Musik verbergen sich zum Teil
derart unterschiedliche Typen von Komponisten mit unterschiedlichen,
ja in meinen Augen gegensätzlichsten ästhetischen Konzepten,
dass man sich auch hier staunend fragt, wie dies alles von einer
Person absorbiert und erarbeitet wird. Siegfried Behrend hat einmal
in einem Radiointerview sinngemäß gesagt, dass es nicht
die Aufgabe des Interpreten sei, die Musik, die er spielt, nach
persönlichen Gesichtspunkten zu bewerten und auszuwählen,
sondern schlicht, das „Neue“ vorzustellen. Da ich nicht vermute,
dass dies ihrer Haltung entspricht, scheint mir, dass man vielleicht
mehr über den Musiker und Interpreten Evers lernen kann,
wenn man erfährt, welche Richtungen der Neuen Musik Sie ablehnen
und warum?
RE: Meine Haltung zu dieser Frage hat sich im
Laufe der Zeit natürlich auch verändert. Ich bin vom
Grundsatz her kein dogmatischer Ästhetiker, weil die Musikgeschichte
gezeigt hat, dass es immer ganz verschiedene Wege gibt. Niemals
haben Ästhetiker, die dogmatisch verlangt haben „So soll
gute Musik aussehen“ oder „So soll Neue Musik aussehen“, recht
behalten. Es gab immer auch die andere Wege, und das kann man
ja auch heute sehr schön an der Neuen Musik sehen: Es gibt
so viele Ausdrucksmöglichkeiten, warum soll man sich nicht
mit ihnen auseinandersetzen? Was ich mochte ist Qualität
in der Komposition und in der Aussage, und das kann eben ganz
verschiedene Musik sein. Diese Freiheit nehme ich mir. Selten
und heute fast gar nicht mehr spiele ich Musik, die ich nicht
mag. Und sicher muss bzw. sollte der Interpret, da gebe ich Behrend
sogar recht, die Dinge vorstellen, er sollte sich auf jeden Fall
so lange auseinandersetzen, bis er ein klares Urteil hat. Dieses
Urteil ist dann natürlich ein subjektives, aber das kann
ich mir leisten. Nichts in der Kunst ist objektiv.
GAK:
Gibt es in Ihrem Denken eine Art „Fixstern“ unter den Komponisten
des 20. Jahrhunderts, einen Komponisten, der Ihnen derart nahe
steht, dass Sie vielleicht so weit gehen würden zu behaupten,
wenn Sie selbst Komponist wären, würden Sie solche oder
ähnliche Musik schreiben wollen? Glenn Gould hat dies einmal
von Hindemith gesagt, Karajan von Schostakovich. Für beide
scheinen mir diese Vorlieben sehr logisch und erhellend zu sein.
RE: Wenn ich selber Komponist wäre, würde
ich wohl lieber meine eigene Musik schreiben wollen! Aber es gibt
eine wahre Geschichte uber Edisson Denissow, als er bei uns hier
in Münster zu Besuch war und an einem Projekt „Musik unserer
Zeit“ teilgenommen hat. Während einer öffentlichen Diskussion
stand einer unserer Studenten auf und richtet folgende Frage an
Denissow: „Welches sind die beiden wichtigsten lebenden Komponisten?“
Und Denissow hat wie aus der Pistole geschossen geantwortet: „Mozart
und Schubert“. Der Student war verdutzt und fragte noch mal „Vielleicht
haben Sie meine Frage nicht richtig verstanden ...“, „Haben Sie
meine Antwort nicht verstanden? Ich sagte doch: Mozart und Schubert“.
Vielleicht käme ich eher auf so eine Antwort, und dann würde
ich sagen: Bach und Mozart und Brahms liebe ich über alles!
Was ich sonst so liebe, das hängt auch damit zusammen, womit
ich mich gerade beschäftige, und das wechselt. Aber es gibt
natürlich große Namen. Die aufzuzählen hätte
jetzt gar keinen Sinn ... .
GAK:
Ein Komponist, dessen Gitarrenmusik Sie auch öfters gespielt
haben, ist der Amerikaner Eliot Carter. Fühlen Sie sich als
Interpret Neuer Musik nicht quasi in den Rücken gefallen,
wenn Carter jetzt im Alter sein gesamtes Oeuvre als „modernistischen“
Irrweg zurückweist und es überarbeiten und mit Konsonanzen
verzuckern möchte?
RE: Manche Leute werden im Alter weise und manche
werden eben nicht weise. Was mich an Carter immer fasziniert hat,
war die Brillanz auf höchstem Niveau und wie lange er das
durchgehalten hat! Er ist ja nicht mehr der Jüngste und schreibt
nach wie vor große Sachen. Ich nehme das nicht ernst, was
er da gesagt hat. Wenn er jetzt andere Musik schreibt, die vielleicht
auch gut ist, dann ist das auch o.k.. Warum nicht? Aber in meiner
Einschätzung seiner Musik und seiner Ästhetik beeinflusst
mich das nicht. Sobald ein Komponist ein Stück geschrieben
und aus der Hand gegeben hat, lebt das auch ein Eigenleben, und
da kann der Komponist so viel darüber sagen, wie er will.
GAK:
Kommen wir nun zu Ihrer neuen CD „Mirage“, die fünf Werke
für Gitarre und Streicher vereinigt, von denen vier in jüngster
Zeit für Sie geschrieben wurden. Alle Kompositen entstammen
dem baltischen Kulturkreis: Lettland, Litauen, Estland. Sie haben
seit längerem enge Verbindungen zu dieser Region. Ich darf
offen bekennen, dass ich von den ersten Takten an den Eindruck
hatte, dass Sie auf dieser CD besonders inspiriert spielen und
Ihnen dieses Projekt also ein besonderes Anliegen zu sein scheint.
Wieso zieht es Sie musikalisch in diese Ecke Europas, was fasziniert
Sie so sehr an dieser Musik und: Gibt es eine speziell baltische
Qualität in dieser Musik?
RE: Ich habe eine starke Beziehung zur Musik
— und nicht nur zur Neuen — des europäischen Ostens. Das
hängt damit zusammen, dass ich auch östliche Wurzeln
habe: Meine Mutter entstammt einer rein polnischen Familie. Ich
bin in Deutschland aufgewachsen, ohne Berührung zur polnischen
Kultur, denn das war total tabuisiert. Die Familie meiner Mutter
kam schon vor dem ersten Weltkrieg nach Deutschland. Es hat mich
einfach immer mehr nach Osten gezogen, und lange Zeit habe ich
das auch gar nicht richtig verstanden, weil mir das gar nicht
bewusst war, bis mir dann irgendwann wie Schuppen von den Augen
gefallen ist, das ich da zum Teil herkomme. Das ist die erste
Berührung. Dann gibt es auch große Einflüsse für
mich in Sachen Musik aus Russland, nicht nur die neueren, auch
Strawinsky, Prokofjew oder Mussorgsky waren immer Götter
für mich. Ebenso habe ich ja auch viel in Südosteuropa
gemacht, im Balkanraum; es gibt auch da eine erkleckliche Anzahl
von Komponisten, die für mich geschrieben haben, und irgendwann
bin ich dann im Baltikum gelandet und habe den ungeheuren Reichtum
der dortigen Musik kennengelernt und ich habe auch sehr viele
Komponisten kennengelernt. Das Baltikum ist aber für mich
auch aus persönlichen Verbindungen wichtig geworden: Meine
Frau, eine Pianistin, kommt aus Litauen. Dadurch habe ich natürlich
auch personlichen Zugang zu vielen Leuten bekommen. Es ist schwer
zu beschreiben, ob es eine speziell Baltische Musik gibt. Wenn
man viel hört, dann meint man Verbindungen zu erkennen, eine
bestimmte Art von Klangsprache, die sehr anders ist. Es gibt naturlich
auch richtige Avantgarde-Leute, aber Tradition spielt immer eine
Rolle, und meistens auch ein bestimmtes Verständnis von Klang.
Aber das kann man eher fühlen denn beschreiben.
GAK:
Würde Sie sagen, dass diese Dinge auch auf der Musik
der „Mirage“-CD präsent sind?
RE: Ja, ganz sicher.
GAK:
Ich für meinen Teil muss gestehen, dass das Anhören
dieser CD ein kleiner Schock war. Um es ein klein wenig provokant
zu formulieren: So viel a-moll war selten auf einer Evers-Platte
mit Neuer Musik. Sie haben schon in früheren Interviews darauf
hingewiesen, dass Sie Fragen wie „Was ist heute avanciert?“ oder
„Was ist Avantgade?“ nicht mehr für Fragen halten, die Musiker
von heute interessieren. Mich würde dennoch interessieren,
wo und warum Sie hier bestimmte Grenzen ziehen. Anders gefragt:
Können Sie Hörer verstehen, die Werke wie etwa Senderovas
„Mirage“-Konzert oder Esenvalds „Songs of Silence“, Werke also,
die sich zu überwiegenden Teilen in einer recht ungetrübten
Tonalität aufhalten, vielleicht als etwas kitschig empfinden,
und was würden Sie Ihnen entgegnen?
RE: Wenn einem irgendein Stil nicht gefällt,
dann ist das ganz normal. Es ist ein freiwilliger Akt, etwas gut
zu finden oder zu mögen oder nicht. Was mir gefällt,
ist das Resultat eines langen Auseinandersetzungsprozesses mit
Musik verschiedenster Couleur. Ich bin auch in meiner Wertschätzung
nicht begrenzt auf die klassische Gitarre, ich finde auch Popgitarristen,
die erfindungsreich sind und spielen können, interessant,
ebenso Jazz- und Flamencogitarristen. Das zum einen. Wenn man
solche Musik, wie ich sie gerade aufgenommen habe, mehrfach und
oft hören kann und sich damit auseinandersetzt und sie dann
immer noch mag, dann ist das schon ein Zeichen dafür, dass
es nicht nur a-moll und die Tränendruse ist! Da gehört
schon noch mehr dazu. Und natürlich gibt es mehr als a-moll
auf der CD, vor allem wenn man sieht, was z.B. Balakauskas in
seinem Meisterwerk macht! Wenn man analysiert was er hier macht,
erkennt man, dass das schon eigentlich den Rang eines Bach hat!
Ich will nicht sagen, dass alles möglich ist, denn ich finde
viele Sachen grottenschlecht. Aber es ist nicht die Stilfrage
oder die Ästhetik, die über die Qualität entscheidet!
GAK:
Da abgesehen von Arvo Pärt die meisten Komponisten der
CD in unseren Breiten kaum bekannt sind, würde ich Sie bitten,
den einzelnen Stücken und Komponisten einige erklärende
Worte zu widmen. Anatolijus Senderovas ist 1945 in Litauen geboren.
Sein einsätziges Konzert „Mirage“, geschrieben 2006, ist
mit einer Zeile aus dem Gedicht „Unter dem Gotteshimmel“ des litauischen
Dichters Bernardas Brazdzionis (1907-2002) überschrieben,
der in seiner Heimat eine bedeutende Symbolfigur zu sein scheint.
Da dies alles Zusammenhänge sind, die uns hier fremd sind:
Können Sie uns ein wenig über die Bedeutung des Dichters
für den Komponisten mitteilen und über das Wechselspiel,
welches hier zwischen Musik und dem Gedicht herrscht.
RE: Über die Bedeutung des Dichters kann
ich nicht viel sagen; aber die Balten lieben ihre Schriftsteller,
und sie spielen eine großen Rolle in vielen Musikwerken
als Bezugspunkt. Ich glaube, was Senderovas an dieser Zeile so
fasziniert hat, ist eben dieser Begriff „Mirage“ in seiner ganzen
Vielgestaltigkeit. Er drückt ja auch etwas Widerspruchliches
aus. Senderovas gehört zur älteren Generation, zu den
vier bis fünf wichtigsten Komponisten in Litauen und ist
international relativ bekannt. Er kommt aus einer jüdischen
Tradition, was man seiner Musik auch anhören kann. In dem
Konzert gibt es auch eine Stelle, die stark an Städl-Musik
erinnert. Ganz entzückend. Da ist z. B. interessant, wie
wenig Mittel ein Komponist braucht, um große Musik zu schreiben.
Einfach faszinierend. Ich hoffe übrigens, dass ich Senderovas
noch einmal dazu bekomme, ein Stück zu schreiben. Diese Zusammenarbeit
hat mich sehr beeindruckt. Ich habe ubrigens erlebt,- ich habe
das Stuck schon dreimal aufgeführt — dass Leute weinend aus
dem Konzert herausgegangen sind! Es trifft die Menschen unmittelbar.
GAK:
Sie kennen vielleicht die Geschichte, dass David Tudor Französich
gelernt haben soll, um Boulez‘ Klaviermusik zu spielen. Wie weit
geht z. B. in einem solchen Fall die Vertiefung in die geistige
Welt von Komponist und Komposition bzw. deren Umfeld?
RE: Ich versuche die Musik zu verstehen und informiere
mich natürlich immer uber das Umfeld eines Komponisten und
will wissen, was er sonst noch gemacht hat. Meist ist ja auch
der Ausgangspunkt, dass ein Komponist mich interessiert und ich
auf ihn zugehe und frage: „Kannst Du was machen?“. Das ist meine
Beschäftigung, also mit dem Komponisten selber. Andererseits:Bei
der „Royal winter music“ z.B. muss man schon Shakespeare lesen,
sonst kann man es nicht verstehen.
GAK:
Eriks Esenvalds ist 1977 in Lettland geboren und damit der
jüngste auf der CD vertretene Komponist. Wie sind Sie auf
Esenvalds aufmerksam geworden, und was schätzen Sie an seiner
Musik?
RE: Ich suche ja immer interessante, noch relativ
unbekannte komponisten, und wenn ich in andere Länder gehe,
schaue ich in die Neue-Musik-Szene rein, unterhalte mich mit den
Komponisten, lasse mich beraten und mir Tipps geben, und ein solcher
Tipp war eben „Esenvalds und die Neue Einfachheit“. Das ist ja
diametral dem entgegengesetzt, was sonst in Lettland gemacht wird,
au?er vielleicht Petris Vasks, der ja aber einer älteren
Generation angehört. Und die Idee, in Munster ein Konzert
mit drei Gitarrenkonzerten aus dem Baltikum zu veranstalten, die
ist dadurch zustande gekommen, dass ich ursprünglich nur
ein Konzert machen wollte (das von Senderovas), dann aber gedacht
habe, dass ich, anstatt mit einem litauischen Orchester einfach
nur ein litauisches Konzert zu machen — und weil ich ja zu allen
drei Ländern gute Beziehungen habe und die mich alle drei
interessieren — ich ja aus jedem der drei Länder ein Stück
machen könnte, und dann auch nach Generationen differenziert.
GAK:
Tonu Korvits hat ja bereits vor der Zusammenarbeit mit Ihnen
schon mehrere z.T. größere Arbeiten für und mit
Gitarre verfasst. Was hat es mit dem Titel seines Konzerts „Songs
on the bridge of Encounters“ auf sich?
RE: Über den Titel haben wir gar nicht gesprochen!
Er bezieht sich auch auf alte estnische Melodien, die er verarbeitet.
Man hört, dass er vom Jazz beeinflusst ist (zwischendurch
klingt es manchmal wie ein langsamer Blues). Und was man ebenso
hort, ist, dass er ein großer Meister der Instrumentationskunst
ist, dieses Fach lehrt er auch an der Musikhochschule in Tallin.
Und er ist bekannt als Arrangeur und hat eine sehr feine und natürliche,
intrumentationstechnisch interessante Klangsprache.
GAK:
Der litauische Komponist Osvaldas Balakauskas, der schon vor
einigen Jahren „Tristan“ für Flöte, Gitarre und Klavier
für Sie geschrieben hat, scheint eine schillernde und vielseitige
Personlichkeit zu sein: Nicht nur hat er sich in der litauischen
Unabhängigkeitsbewegung engagiert, sondern er war ebenso
nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als Botschafter für
sein Land tätig und scheint also ein eminent politischer
Mensch zu sein. Vielleicht können Sie uns Ihre Eindrucke
von der Person Balakauskas ein wenig schildern: Was für ein
Mensch ist Balakauskas?
RE: Das ist erst mal ein sehr intelligenter,
ganz zurückgenommener Mann. Sehr warmherzig, aber ein Intellektueller,
wie man sich ihn typischer gar nicht vorstellen kann. Politisch
hat er sich damals wahrscheinlich ziemlich engagiert, aber er
ist an Politik eigentlich nicht interessiert. Das war eine Phasevon
ihm; ich habe ihn danach gefragt , warum er das nicht mehr weiter
gemacht hat, und er hat gesagt: „Ich war nicht der richtige Typ
dafür, ich kann oder will mich auf diesem Parkett nicht bewegen,
das nimmt mir nur Zeit weg“. Sein Interesse ist das Komponieren.
Und er ist sicher einer der einflussreichste Kompositionslehrer
im Baltikum. Viele Leute kommen aus anderen Ländern, um bei
ihm zu studieren, weil er natürlich — und das muss man sagen
— wie die meisten dieser Komponisten eine ungeheure Beherrschung
des handwerklichen Aspekts beim Komponieren hat. Das hängt
auch mit der doch relativ traditionellen Ausbildung zusammen,
die alle Komponisten dort erfahren haben.
GAK:
Ein weiterer faszinierender Aspekt an Balakauskas ist sein
anscheinend starkes Interesse für musiktheoretische Überlegungen
und deren kompositorische Konsequenzen. Was können Sie uns
über deren Einfluss auf das auf Ihrer CD enthaltene Stück
„Odyssey from B to C“ sagen?
RE: Er schreibt heute nach einem eigenen , von ihm entwickelten
System, das eine Balance zwischen Tonalitat und Dodekaphonie herstellt.
Das ist ein ganz klarer unverwechselbarer Stil. Früher hat
er nicht so geschrieben, er war sehr viel avantgardistischer,
aber teilweise distanziert er sich jetzt von diesen Werken. Viele
Stücke benutzen die rhythmischen Idiome des Jazz, weil er
das liebt, aber es ist auch nur ein Mittel zum Zweck, ein Organisationsmittel,
so wie „Tristan“ auch mit der Idee der Oper nichts zu tun hat,
aber das Material eben aus dem Tristan-Akkord stammt.
GAK:
„Odyssey“ existiert ja in zwei Fassungen, einer für Flöte,
Gitarre und Streichquartett und einer für Flöte, Gitarre
und Streichorchester. Wie würden Sie dieses Stück beschreiben,
und wie kam es zu dieser zweiten Fassung? Ein Konzert bzw. Doppelkonzert
ist das Stück ja im eigentlichen Sinne nicht.
RE: Der Ursprung war die Sextettfassung, die
für Toronto geschrieben wurde. Ich habe ihn einfach gefragt,
da ich interessante Stücke fur diese Besetzung suche, und
er hat „ja“ gesagt, eine Kontrabassstimme dazu geschrieben, manches
ein bisschen verändert, aber die Solopartien sind identisch.
Ich würde das Stück als eine „Sinfonia concertante“
beschreiben. Es ist übrigens höchst virtuos und sehr
schwer zu spielen, vor allem wegen der rhythmischen Vertracktheit,
aber es macht Spass „wenn man's hat“! Aber trotzdem es ist nie
so, dass die Virtuositat des Instrumentes in den Vordergrund gestellt
wird. Das interessiert ihn überhaupt nicht! Ihn interessieren
die Kombinationsmöglichkeiten: Das Material ist sehr kohärent
entwickelt und erscheint in allen Möglichkeiten der Kombination.
GAK:
Mit der abschließende Frage möchte ich Ihnen hier
die Möglichkeit geben, einen „Ruf nach draußen“ zu
schicken: Wenn Sie unabhängig von allen äußeren
Faktore, wie der Höhe von Honoraren u.ä. noch ein Stück
von einem Komponisten ihrer Wahl bekommen könnten, von welchem
Komponisten träumen Sie in so einem Fall?
RE: Wolfgang Rihm fände ich schön.
Den habe ich auch schon ein paar Mal gefragt. Die Antwort war:
„Du weißt schon: Ich schreib' kein Stück“. Er hat keine
Zeit und kein Interesse.
Gubeidulina fände ich interessant. Ich finde auch schade,
dass Schnittke kein Gitarrenstück geschrieben hat. Aber sein
Sohn war E-Gitarrist, und da war das dann anders belegt ... .
Aber ich träume von Giya Kantscheli aus Georgien. Für
mich ein unglaublicher Komponist. Aber auch er ist zu beschäftigt.
GAK:
Herr Evers, vielen Dank für das Gespräch!