Tambov 2007
II GIARDINO REIST NACH RUSSLAND
Halb sieben Uhr morgens. Die orangerote Sonne ging gerade über einer Hügellandschaft aus Wolken vor dem strahlend blauen Himmel auf und wir, das 20-köpfige Orchester «II Giardino» und seine Solisten saЯen voller Erwartung im Flugzeug in Richtung Moskau.
In Russlands 12-Millionen-Metropole mittags angekommen, fiel nicht nur jenen, die das erste Mal in Moskau waren, auf, dass sich die Stadt zur Zeit im Wandel befindet: Verkehr, Skyline und Preise ähneln inzwischen sehr denen in deutschen Großstädten und man hatte das Gefühl, sich viel weiter im Westen aufzuhalten. Zusammen mit Prof. Sascha Bazikov von der Hochschule Tambov und einer Stadtführerin besichtigten wir die bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt wie die Basiliuskathedrale auf dem Roten Platz und das unterirdische Einkaufszentrum neben dem Kreml.
Weiter ging es dann mit dem Nachtzug in das 420 Kilometer südöstlicher gelegene Tambov, wo wir nach einer sehr kurzen und ausgelassenen Nacht herzlich von unseren russischen Gastfamilien begrüßt wurden. Die Fahrt vom Bahnhof in die Gastfamilien zeigte uns sofort eine ganz andere Seite Russlands: Äußerlich heruntergekommene Häuser, an denen seit langer Zeit nichts saniert wurde, erinnerten an die 60er Jahre. An der Wohnungstür der Gastfamilien offenbarte sich dann ein anderes Bild: Schön ausgestattete, warme Wohnungen brachten zusammen mit der gemütlichen, sehr herzlichen Gastfreundschaft, die Barriere innerhalb
«Es war eine tolle und beeindruckende Reise, bei der wir nicht nur andere Musiker, sondern auch eine ganz andere Kultur kennenlernen konnten» (Sabine Arnegger)
kurzer Zeit zum Schmelzen. Diese Herzlichkeit zeigte sich in den kommenden Tagen auch in der leckeren und reichhaltigen Verköstigung der Gasteltern, die alle Register zogen, um uns einen angenehmen Aufenthalt zu bescheren, was bei den finanziellen Mitteln kein leichtes Unterfangen war, da ein Hornprofessor umgerechnet gerade einmal 130 Euro im Monat verdient.
Zum ersten Mal an der Hochschule — dem «Rachmaninov-Institut Tambov» — angekommen, wurden wir mit einem kleinen Festakt vom Kultusminister der Provinz offiziell begrüßt und staunten sehr über die hervorragenden musikalischen Leistungen der Studenten sowie über die musikalischen Eigenheiten der russischen Kultur, die uns durch folkloristische Gruppen näher gebracht wurde. Abgerundet wurde dieser Akt mit der überraschenden Verleihung der Ehrenprofessur an unseren Dirigenten Rudolf Rampf, der sich schon seit Jahren erfolgreich um die musikalischen deutsch-russischen Beziehungen bemüht.
Musikalischer Höhepunkt war ein großes Gemeinschaftskonzert. Nach einigen gemeinsamen Proben musizierten wir ein großes Konzert zusammen mit unseren neu gewonnenen Freunden aus Tambov, welches zum einen durch das abwechslungsreiche Programm von Händel über Vivaldi, Elgar und Britten bis hin zu einer Prise Jazz bei Rodrigo und zum anderen durch das sehr angenehme Klima innerhalb des Orchesters sehr viel Gefallen beim Publikum fand und sogar vom russischen Fernsehen mitgeschnitten wurde. Bei einem zweiten, internen Kammerkonzert lernten wir typische Instrumente des dortigen Kulturkreises wie die Balalaika kennen.
Ein weiterer Höhepunkt war die Unterzeichnung eines offiziellen Kooperationsvertrages zwischen Musikschulleiter Wolfram Lutz und Direktor Prof. Alexander Bazikov, in dem sich beide Musikinstitute zu einer Zusammenarbeit verpflichten. Bei einer Besichtigung der Stadt bekamen wir einen Eindruck von Tambovs Wirtschaftsleben: Weizen,
„Genau so! ...hätte ich mir Russland nie vorgestellt" (Patrick Peters)
Holz, Honig und Textilien sind die wesentlichen Exportgüter dort.
Einige von uns durften einen Abend auf einer «Datscha" — einer Art Schrebergartenhütte — erleben, welcher für die Russen am Wochenende bei Schaschlik und Backkartoffeln über dem offenen Feuer und dem ein oder anderen Glas Wodka nahezu obligatorisch ist.
Das Abschiednehmen fiel allen schwer, da man seine Gasteltern sowie die russischen Mitspieler im Orchester liebgewonnen hatte. Nachts fuhren wir mit dem Zug zurück nach Moskau, wo wir nach einer Stippvisite am Tschaikowsky-Konservatorium und der Lomonossow-Universität die berühmte Heilig-Geist-Kir-che besichtigten. Vom Sperlingsberg aus genossen wir den unvergesslichen Blick über ganz Moskau und bei einer Fahrt mit der Moskauer Metro bewunderten wir die künstlerischen U-Bahnstationen mit Deckenstuck etc. Mit vielen Eindrücken, glücklich über die vergangenen Tage und nachdenklich über die sehr deutlichen Unterschiede in der Lebensqualität flogen wir dann nach Hause.
Eindrücke von: Manuel Peitzker
Parlando, Zeitung der Musikschule Tettnang, Ausgabe 01/2008